Manchmal fängt eine Entdeckung genau da an, wo man sie am wenigsten erwartet: Güglingen, eine Stadt, die ich bisher nur vom Durchfahren kannte.
Ein Spaziergang mit dem Neffen – und eine unerwartete Begegnung
Am Mittwochnachmittag war ich mit meinem Neffen Max dort unterwegs. Einfach ein bisschen laufen, schauen, ausprobieren. Ich hatte ihm meine Kamera in die Hand gedrückt und gesagt, er solle sich selbst an Motiven versuchen. Eine kleine Fotosafari mit Kinderaugen. Güglingen schien mir dafür passend, weil man hier auf engem Raum viele Formen, Gesichter und Details entdecken kann.
Während wir so durch den Stadtkern gingen, sprach mich ein Mitarbeiter des Ordnungsamts an – nicht wegen eines Problems, sondern wegen der Kamera. Er erzählte mir, dass die Stadt gerade Bilder und Perspektiven sammelt, und bat mich, Güglingen einmal mit dem Blick eines Fotografen zu sehen. Solche Begegnungen mag ich. Sie sind manchmal genau der kleine Impuls, den es braucht.
Morgens, kurz nach sechs: Die Stadt gehört noch mir
Am nächsten Morgen stand ich früh auf, kurz nach sechs ging es los. Gut neunzig Minuten nahm ich mir Zeit, um mich ganz bewusst nur mit der Innenstadt zu beschäftigen. Rund um die Kirche, die Herzogskelter, durch Gassen und über kleine Plätze – überall dort, wo man später im Alltags-Trubel leicht vorbeieilt.
Das Licht war an diesem Morgen ein Geschenk. Blauer Himmel, tief stehende Sonne, lange Schatten. Das Fachwerk bekam Tiefe, Oberflächen wurden plastisch, und selbst die Kunstobjekte wirkten plötzlich nicht nur aufgestellt, sondern fast, als würden sie in diesem Licht ihre eigene Geschichte erzählen.
Kunst im Vorbeigehen – wie vergrabene Schätze
Was Güglingen spannend macht: Überall im Stadtkern steckt Kunst. Mal auffällig, mal versteckt – ein Bacchus hier, eine Uhr da, eine „Daphne“ aus Metall. Manche Werke wirken, als gehörten sie schon immer hierher, andere überraschen plötzlich aus einer Gasse heraus. Ich habe nicht alle Künstler vor Ort recherchiert (das kann man später tun), aber ich habe gespürt, dass dieser Ort mehr erzählt, als man auf den ersten Blick sieht.
Besonders präsent ist die Bildhauerin Ursula Stock – ihr Weinbrunnen im Deutschen Hof ist eine dieser Arbeiten, die einfach da sind und doch erst beim zweiten Hinsehen richtig wirken.
Die Herzogskelter: Mehr als ein schönes Gebäude
Die Herzogskelter kannte ich schon flüchtig, auch wegen des guten, bodenständigen Restaurants dort. Aber an diesem frühen Morgen, im frischen Licht, wirkte sie wie ein stiller Wächter über dem Ort. Dass in ihren Mauern seit über vierzig Jahren Theater und Konzerte stattfinden, gibt dem Haus eine ganz eigene Seele – auch wenn früh morgens natürlich alles geschlossen war.
Unter der Oberfläche: Römische Geschichte zum Anfassen
Und dann das: Unter der Oberfläche – wortwörtlich – steckt römische Geschichte. Ein kleines Museum am Marktplatz mit rund 2000 Exponaten, dazu eine frei zugängliche archäologische Freilichtanlage am originalen Fundort des Vicus von Güglingen. Genau mein Ding. Man steht da und denkt: Hier war schon vor zweitausend Jahren jemand unterwegs, hat Dinge verbaut, gelebt, Spuren hinterlassen.
Das gibt einem Ort eine ganz andere Tiefe – nicht nur für Historiker, sondern auch für neugierige Fotografen.
Was bleibt: Entdeckerlust vor der Haustür
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis: Entdecken beginnt nicht erst dort, wo man weit wegfährt. Manchmal beginnt es direkt vor der eigenen Haustür. In einer Stadt, die man zu kennen glaubt. In Straßen, die morgens um sechs ganz anders wirken als am Mittag. In Kunstwerken, an denen man sonst vorbeigegangen wäre. Und in einem freundlichen Satz von einem Mitarbeiter des Ordnungsamts, der aus einem Spaziergang plötzlich eine neue Idee werden ließ.
Güglingen hat mir an einem einzigen Morgen mehr gezeigt, als ich in zehn Jahren Durchfahren gesehen hätte. Und ja – die Fotos sind gut geworden. Aber die Geschichte dahinter ist mir fast lieber.
Wenn ihr mehr Bilder sehen wollt, dann hier klicken: Gesichter einer Stadt
Kurzer Hinweis für eigene Entdecker:
Wer selbst losziehen möchte: Die Stadt hat eine kleine Lauschtour-App „Kunst in Güglingen“ (ca. 30 Minuten Rundgang). Das Römermuseum am Marktplatz und die Freilichtanlage sind auch ohne App sehenswert. Und die Herzogskelter lohnt sich für eine Einkehr – aber am besten geht man erst einmal mit offenen Augen durch die Gassen.







