1.200 Kilometer bis zum Abenteuer
Die Honda Adventure Roads begannen offiziell am 11. Juni 2026.
Für mich begann die Reise einige Tage früher.
Während die meisten Teilnehmer noch überlegten, ob sie ihren Helm ins Handgepäck legen und den Weg nach Spanien mit dem Flugzeug planen, stand bei mir eine andere Entscheidung fest. Die Africa Twin kam auf den Anhänger, das Auto wurde gepackt und der Süden Europas wurde zum ersten Kapitel einer Geschichte, die eigentlich noch gar nicht begonnen hatte.
Manchmal ist die Anreise einfach nur die Strecke zwischen Zuhause und dem Ziel.
Bei mir wird sie selbst zum Abenteuer.
Tag 1:
Als ich Bönnigheim hinter mir lasse, liegen über tausend Kilometer vor mir. Kilometer, die auf einer Landkarte schnell überbrückt wirken. In der Realität bedeuten sie lange Stunden hinter dem Lenkrad, wechselnde Landschaften und das langsame Gefühl, sich vom Alltag zu entfernen.
Gegen Abend erreiche ich Lapalisse.
Ein Ort, den viele Reisende wahrscheinlich nur auf einem Straßenschild wahrnehmen würden. Für mich wird er zur ersten Station dieser Reise.
Das Hotel liegt unweit des Schlosses. Der Anhänger steht sicher im Innenhof. Nach einem langen Tag auf der Autobahn schmecken Pizza und ein Glas regionaler Wein besser als jedes Sternerestaurant.
Zum ersten Mal seit Tagen habe ich keine Termine mehr im Kopf.
Nur die Straße. Und das Abenteuer, das irgendwo hinter den Bergen auf mich wartet.
Tag 2: geht es weiter Richtung Süden.
Die Landschaft verändert sich langsam. Die Straßen werden kleiner. Die Luft fühlt sich anders an. Frankreich zeigt sich von seiner entspannten Seite.
Am Abend erreiche ich Montrejeau. Eigentlich ist es nur ein Zwischenstopp, oder das Ende der eigentlichen Adventure Roads durch die Pyrenäen.
Doch rückblickend ist es vielleicht der Moment, an dem die Reise wirklich beginnt.
Auf dem Parkplatz des Hotels rolle ich die Africa Twin vom Anhänger.
Nach mehr als tausend Kilometern auf vier Rädern berühren die Reifen endlich wieder den Asphalt. Der Motor springt an.
Dieses vertraute Geräusch verändert alles. Plötzlich bin ich nicht mehr auf dem Weg zu einer Motorradreise.
Ich bin wieder Motorradfahrer.
Montrejeau empfängt mich mit einem grauen Himmel und einer fast unwirklichen Ruhe.
Bei einem Spaziergang entdecke ich die alte Orangerie der Stadt. Heute befindet sich dort ein Restaurant.
Zumindest theoretisch. An diesem Abend bleibt die Tür geschlossen.
Die Straßen wirken leer. Der Nieselregen legt sich wie ein dünner Schleier über die Fassaden. Irgendetwas zwischen Melancholie und Abenteuer liegt in der Luft.
Genau dort begegne ich Norbert.
Auch er ist mit dem Motorrad unterwegs. Drei Wochen Fahrt liegen schon hinter ihm. Eigentlich wechseln wir nur ein paar Worte.
Dann werden daraus zwei Stunden. Über Motorräder zu sprechen ist einfach. Über Reisen noch viel einfacher.
Wir erzählen von Straßen, die niemand kennt. Von Orten, die man zufällig entdeckt. Von Plänen, die unterwegs wieder verworfen werden.
Als wir uns verabschieden, habe ich das Gefühl, einen alten Bekannten zurückzulassen.
Dabei haben wir uns erst wenige Stunden zuvor kennengelernt.
Reisen können seltsame Dinge mit Menschen machen.
Tag 3: Es beginnt mein erster voller Fahrtag auf dem Motorrad.
Und was für einer.
Die großen Straßen verlieren schnell ihre Bedeutung. Stattdessen folge ich kleinen Verbindungen, asphaltierten Feldwegen und Straßen, die auf manchen Karten kaum mehr als dünne Linien sind.
Fast vierhundert Kilometer lang fahre ich bewusst dort, wo andere vorbeifahren.
Die Landschaft verändert sich ständig.
Täler öffnen sich. Berge rücken näher.
Kleine Dörfer tauchen auf und verschwinden wieder.
Der Himmel bleibt wechselhaft, doch genau das macht die Fahrt spannend. Hinter jeder Kurve wartet ein neues Licht, eine neue Stimmung, ein neues Bild.
Es sind diese Tage, an denen die Kamera oft in der Tasche bleibt, weil der Augenblick wichtiger ist als das Foto.
Am Abend erscheint Cardona am Horizont.
Schon von Weitem dominiert die gewaltige Burg die Landschaft. Wie ein steinerner Wächter blickt sie über die Stadt und die umliegenden Hügel.
Mein Hotel liegt nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt. Die Altstadt lebt.
Menschen sitzen draußen. Gespräche hallen durch die Gassen. Nach den ruhigen Orten der letzten Tage wirkt Cardona fast lebhaft.
Später stehe ich oben an der Burgmauer.
Der Blick reicht weit über die Landschaft Kataloniens.
Und dort draußen entdecke ich etwas, das mich länger beschäftigt, als ich erwartet hätte.
Weiße Berge, keine Wolken auch kein Schnee. Sondern die gewaltigen Rückstände des Salzabbaus.
Von hier oben wirken sie wie Narben in der Landschaft.
Spuren dessen, was Menschen über Jahrhunderte aus dem Boden geholt haben.
Schön und gleichzeitig nachdenklich stimmend.
Manche Orte erzählen ihre Geschichte nicht durch Worte.
Sondern durch ihre Wunden.
Tag 4: Die letzte Etappe nach Sant Benet de Bages.
Das ehemalige Benediktinerkloster liegt ruhig über dem Tal des Llobregat. Umgeben von Wasser, fruchtbarem Land und sanften Hügeln.
Schon nach wenigen Minuten verstehe ich, warum Mönche genau hier ihr Zuhause fanden. Wer einen Ort für Ruhe sucht, wird ihn hier finden. Wer Abstand braucht, ebenfalls.
Ich beziehe mein Zimmer, stelle das Motorrad ab und habe zum ersten Mal seit Tagen keinen Zeitplan mehr.
Zeit, mir dem Leihrad ins Dorf zu fahren und zu Fuss ich auf die andere Seite des Flusses zu wandern.
Von dort öffnet sich der Blick über das Tal. Unter mir liegt das Kloster. Vor mir die Landschaft.
Und für einen Moment fühlt es sich an, als würde die Zeit langsamer laufen.
Am Hotel übergebe ich auch meine Africa Twin an das Honda-Team. Die Adventure Roads werde ich mit der neuen Transalp mit e-clutch absolvieren.
Das Motorrad verschwindet auf dem Transporter und wird zum Zielort, mein Startpunkt der Adventure Roads gebracht.
Ein seltsamer Moment.
Seit Tagen war die Maschine mein ständiger Begleiter.
Nun steht sie in einem Container und wartet auf ihren nächsten Einsatz.
Ich bleibe zurück.
Mit einem Cappuccino in der Sonne.
Mit Blick auf das Kloster.
Und mit der Vorfreude auf das, was kommen wird.
Tag 5/Tag 1 der HAR 2026:
Als am Nachmittag die Teilnehmer aus ganz Europa eintreffen, beginnt offiziell die Honda Adventure Roads 2026.
Für mich fühlt es sich anders an.
Denn mein Abenteuer hat längst begonnen.
Irgendwo zwischen einer Pizza in Lapalisse, einer geschlossenen Orangerie in Montrejeau, einer zufälligen Begegnung mit Norbert und den Salzbergen von Cardona.
Vielleicht ist genau das das Geheimnis jeder guten Reise.
Das Ziel bleibt in Erinnerung. Die Geschichten entstehen unterwegs.
Am Wegesrand – Vier Orte, vier Geschichten
Lapalisse – Das Schloss der offensichtlichen Wahrheiten
Wer heute durch Lapalisse fährt, sieht zunächst eine ruhige französische Kleinstadt. Über ihr erhebt sich das Château de La Palice, das seit dem 15. Jahrhundert von derselben Adelsfamilie bewohnt wird.
Berühmt wurde der Ort durch Jacques de La Palice, einen französischen Heerführer, der 1525 in der Schlacht von Pavia fiel. Durch ein Missverständnis auf seiner Grabinschrift entstand später sogar ein Begriff in der französischen Sprache: die „Lapalissade“. Gemeint ist eine Wahrheit, die so offensichtlich ist, dass sie eigentlich keiner Erwähnung bedarf.
Während ich am Abend vor dem Schloss sitze, gefällt mir die Vorstellung, dass seit Jahrhunderten Reisende auf dem Weg nach Süden genau hier Rast gemacht haben. Händler, Soldaten, Pilger und heute ein Motorradfahrer aus dem Stromberg.
Montrejeau – Das Tor zu den Pyrenäen
Montrejeau entstand im Mittelalter als sogenannte Bastide, eine planmäßig angelegte Handelsstadt am Fuß der Pyrenäen. Über Jahrhunderte verliefen hier wichtige Verbindungen zwischen Toulouse, Spanien und den Pässen der Berge.
Wer Richtung Süden wollte, kam oft hier vorbei.
Vielleicht fühlte sich der Ort deshalb sofort richtig an.
Genau hier rollte ich die Africa Twin vom Anhänger. Genau hier begann die Reise auf zwei Rädern. Die alte Orangerie erinnert noch heute an die Zeit, als wohlhabende Familien exotische Pflanzen sammelten und Reisende in den Städten Station machten, bevor sie ihren Weg fortsetzten.
Für mich wurde Montrejeau zu genau diesem Ort: Ankommen, durchatmen und weiterziehen.
Cardona – Das weiße Gold Kataloniens
Die Burg von Cardona zählt zu den bedeutendsten Festungen Kataloniens. Ihr Reichtum beruhte auf einem Schatz, der tief unter der Erde lag.
Salz.
Bereits vor über zweitausend Jahren wurde hier Salz gewonnen. Im Mittelalter war es eines der wertvollsten Handelsgüter Europas. Das „weiße Gold“ machte Cardona reich und mächtig. Die Burg entstand nicht zufällig auf ihrem markanten Felsen. Von hier aus konnten die Herrscher die Minen und Handelswege kontrollieren.
Noch heute sind die gewaltigen Salzhalden sichtbar.
Von den Burgmauern wirken sie beinahe wie schneebedeckte Berge. Erst beim zweiten Blick erkennt man, dass es die Spuren einer Landschaft sind, die über Jahrhunderte vom Menschen geformt wurde.
Sant Benet de Bages – Wo Reisende seit tausend Jahren Halt machen
Lange bevor hier Motorradfahrer aus ganz Europa zusammenkamen, machten an diesem Ort bereits andere Reisende Station.
Das Benediktinerkloster Sant Benet de Bages wurde im 10. Jahrhundert gegründet. Die Lage war ideal: Wasser aus dem Llobregat, fruchtbare Böden, Schutz durch die umliegenden Hügel und eine günstige Anbindung an die damaligen Handelswege.
Über Jahrhunderte fanden hier Pilger, Händler und Wanderer Unterkunft.
Als ich am Morgen oberhalb des Klosters über das Tal blicke, wird verständlich, warum die Mönche genau diesen Ort wählten. Wer hier steht, erkennt die Ruhe des Tals, die Nähe zum Wasser und den weiten Blick in die Landschaft.
Vielleicht war es Zufall, vielleicht perfekte Planung.
Für den Start der Honda Adventure Roads hätte man jedenfalls kaum einen passenderen Ort finden können.












