Athen. Zwei Tage vor der Einschiffung auf die Running on Waves. Zwei Tage Stadt, Sonne, warmes Licht und dieses schöne Gefühl, erst einmal anzukommen, bevor das Meer übernimmt.
Der Flug landete am 29. April am Vormittag. Während zuhause noch Nebel durch die Weinberge zog, empfing uns Athen mit fast sommerlicher Wärme. 25 Grad, blauer Himmel, Licht auf den Häuserwänden und diese Mischung aus Großstadt, Geschichte und mediterraner Gelassenheit, die einem sofort sagt: Lauf einfach los und genieße den Moment.
Also liefen wir los.
Unser Hotelzimmer war noch nicht bereit. Mit dem Gepäck am Mann landeten wir in dem kleinen Restaurant Astfagia. Eigentlich nur als Zwischenstopp gedacht. Doch daraus wurde eine dieser Begegnungen, die eine Stadt sofort lebendig machen.
Wir kamen mit dem Chef ins Gespräch, ließen uns treiben, bestellten nicht nach Karte, sondern folgten seinen Empfehlungen. Er brachte, was er gut fand. Wir aßen, was kam. Am Ende gab es noch einen Nachtisch aufs Haus und einen Kaffee, den er von der anderen Straßenseite holte.
Das sind diese Reisemomente, die keine Planung der Welt besser hinbekommt.
Nach dem ersten Ankommen zogen wir weiter in die Stadt. Erst einmal schauen. Nicht sofort abhaken. Nicht gleich hinein in das große Pflichtprogramm. Athen durfte sich langsam zeigen: Straßen, Fassaden, Cafés, Menschen, alte Steine. Die Akropolis war da, natürlich. Sie stand über allem, wie sie das seit langer Zeit tut. Aber wir hatten nicht den Wunsch, uns ins Gedränge schieben zu lassen.
„Ich muss nicht immer mitten in der Suppe sitzen, um zu wissen, wie sie schmeckt. Manchmal reicht der Blick von außen. Manchmal ist der sogar besser.“
Ein Abend an der Bibliothek
Am ersten Abend zog es uns noch einmal hinaus. Vom Hotel aus liefen wir zur Bibliothek, und plötzlich standen wir mitten in einem kleinen Festival. Draußen auf dem Areal war Leben. Kinder, Tanzvorführungen, Musik und Bewegung. Es wuselte nur so.
Die ganze Bibliothek, das ganze Gelände, war in Licht getaucht. Für die Kamera war das eine wunderbare Kulisse, aber irgendwann ging es gar nicht mehr nur ums Fotografieren. Es ging darum, dort oben zu stehen, auf das beleuchtete Athen zu schauen und diese Atmosphäre wirken zu lassen. Athen lag unter uns, leuchtend und wach.
Am nächsten Morgen gingen wir mit der Kamera auf Jagd. Athen wurde zu meinem Revier.
Wir gingen hinein in die Stadt, auf der Suche nach diesen urbanen Momenten, die man nur findet, wenn man nicht ständig auf die nächste Sehenswürdigkeit zusteuert.
Athen ist dafür perfekt. Die Stadt hat große Geschichte, natürlich. Akropolis, Plaka, antike Steine, große Namen. Aber mich interessiert oft das Dazwischen. Die Straßen neben den bekannten Straßen. Die Türen mit Patina. Die Wände, auf denen jemand seine kleine Botschaft hinterlassen hat. Das Leben neben dem Prospekt.
Wir jagten durch die Straßen, aber auf die gute Art. Ohne Stress, ohne Timeline. Mit offenen Augen und diesem kleinen inneren Radar, das sofort anspringt, wenn irgendwo Farbe, Bewegung oder eine Geschichte an der Wand auftaucht.
Anafiotika: ein kleines Inselgefühl unterhalb der Akropolis
Besonders stark war der Weg durch Anafiotika, dieses kleine Viertel unterhalb der Akropolis, das aussieht, als hätte jemand ein Stück Kykladeninsel mitten nach Athen gesetzt. Weiß getünchte Häuschen, enge Steintreppen, blaue Fensterläden, kleine Türen, Pflanzen, Schatten, Katzen, Patina.
Man läuft unterhalb des großen Felsens entlang und hat plötzlich das Gefühl, irgendwo auf einer griechischen Insel gelandet zu sein.
Wenn man sich in Anafiotika ein bisschen abseits der Restaurants und Geschäfte in die Seitenwege treiben lässt, wird es besonders. Dann verschwindet der Lärm der bekannten Wege, und die Stadt wird kleiner, intimer, beinahe dörflich. Eine kleine Kirche lud uns ein, zu verweilen.
Für mich war dieser Weg rund um den Akropolis-Hügel viel wertvoller als ein bezahlter Aufstieg mitten hinein in den großen Besucherstrom.
Ich konnte unterhalb der Akropolis stehen, um Athen zu spüren.
Später führte uns Athen weiter in Viertel, in denen sich kaum Touristen verirren. Genau dort wurde es spannend. Da, wo Menschen arbeiten, Mittagspause machen, für den Abend einkaufen und leben. Athen im Alltag.
Ein kleiner Hunger kam auf. Ein kurzer Blick nach rechts und plötzlich dieser Imbiss, außen mit dem Hinweis auf typisch griechische Küche. Innen empfing uns ein Inder mit breitem Grinsen.
Das war der Moment, in dem mein innerer Indien-Kompass kurz vibrierte.
Um uns herum saßen Arbeiter aus dem Viertel. Keine hübsch dekorierten Griechenland-Teller für Besucher, sondern echtes Essen für Menschen, die dort leben und arbeiten. Gegessen wurde, wie ich es aus Indien kenne: mit den Fingern, ohne großes Bestecktheater, direkt, selbstverständlich und voller Genuss. Auf dem Tisch Reis, Limetten und Zwiebeln als Salat.
Wir setzten uns dazu. Und schon waren wir mitten in Athen bei einem wunderbar authentischen indischen Mittagessen. Der Gastgeber war sichtbar irritiert und gleichzeitig erfreut, dass sich Fremde in seinen Laden verirrt hatten und sein Essen mit so sichtbarer Freude genossen.
Also brachte er immer weiter kleine Köstlichkeiten an den Tisch. „Probiert das noch. Und das. Und das auch.“
So schmeckt Reisen. Nicht gesucht. Sondern weil man offen genug war, es zu finden.
Griechenland draußen, Indien auf dem Teller, Arbeiter am Nebentisch, ein lachender Gastgeber, und wir mittendrin. Besser kann ein Mittagessen kaum sein.
Cafés, Bars und dieses schöne Anhalten
Zwischendurch gab es immer wieder diese kleinen Cafés und Bars, die in Athen gefühlt an jeder Ecke auftauchen. Ein Tisch, ein Getränk, ein paar Minuten Pause. Menschen ziehen vorbei. Motorroller knattern. Stimmen hängen in der Luft. Da sein und genießen. Diese Momente des Nichtstuns und trotzdem erfüllt zu sein.
Man schaut, trinkt, schweigt kurz und merkt, dass genau daraus ein Stadtgefühl entsteht.
Athen ist nicht nur Akropolis.
Athen ist auch der Mann, der im Schatten sitzt. Die Frau mit Einkaufstaschen im Hauseingang. Der Kellner, der kurz ruft. Die Wand voller Farbe. Der Geruch von Essen aus einer Seitengasse. Der Bus, der an der Ecke hält. Der Kaffee, der genau im richtigen Moment kommt.
Lykavittos, Stadion und die Stadt von oben
Natürlich führte uns der Weg auch hinauf. Der Aufstieg zum Lykavittos war bei 25 Grad und mit Kamera kein kleines Spaziergängchen, aber genau richtig. Oben lag die Stadt unter uns wie ein helles, vibrierendes Häusermeer. Die Akropolis mittendrin, Piräus in der Ferne, irgendwo dahinter das Wasser.
Von dort oben konnte man wunderbar entscheiden, wohin der Tag weitergehen sollte. Athen lag ausgebreitet vor uns wie ein offenes Buch. Eine Einladung zum Weiterziehen.
Der Weg führte hinab, weiter Richtung Stadion. Wieder durch Straßen, wieder mit kleinen Stopps, wieder mit diesem Gefühl, dass diese Stadt am besten funktioniert, wenn man sie nicht zu streng führt.
Zu laufen war die beste Entscheidung. Und wenn die Füße irgendwann eine Pause anmelden, funktioniert der Rest erstaunlich einfach. S-Bahn, U-Bahn, Bus – einsteigen, 1,50 Euro zahlen und weiter.
Ein echtes Geschenk. Man bleibt flexibel, kann sich treiben lassen und kommt trotzdem immer wieder an.
Der Abend im anderen Viertel – Seychelles Taverna in Metaxourgio
Am Abend führte uns die Stadt noch einmal in ein anderes Viertel. Wir trafen uns dort zum Essen, wieder näher an einer Stadt, die lebt und arbeitet.
Genau diese Mischung machte die beiden Tage so stark. Morgens Graffiti-Jagd. Mittags Indien in Athen. Nachmittags Aussicht, Stadion, Stadtwege. Abends Restaurant, Gespräche, Menschen, Licht.
So wurde aus Athen kein Vorprogramm, sondern ein eigenes Kapitel.
- Mai: Tag der Arbeit, Tag der Logistik
Dann kam der 1. Mai. Tag der Arbeit.
In der Theorie klingt das nach einem freien Tag in der Stadt. In der Praxis heißt es in Athen: vieles geschlossen, eingeschränkter Verkehr, Streik, weniger Beweglichkeit. Für uns wurde dieser Tag zu einem kleinen Logistikabenteuer, denn unsere Koffer mussten vom Hotel auf die Running on Waves.
Das Wetter hatte sich gedreht. Die Sonne der ersten Tage war verschwunden, der Himmel war deutlich grauer und der Wind nahm den „Tag der Arbeit“ wörtlich und legte sich voll ins Zeug. Wir hatten noch Zeit bis zur Einschiffung am späten Nachmittag. Unser Plan war eigentlich, ins Planetarium zu gehen. Das soll richtig gut sein und hätte wunderbar zu diesem etwas ungemütlicheren Tag gepasst.
Aber: geschlossen.
Und weil wegen der Streiks auch Busse und S-Bahnen nicht wie gewohnt fuhren, mussten wir umplanen. Statt entspannt noch ein schönes Stadtziel mitzunehmen, organisierten wir Taxi, Gepäck, Wege und Timing Richtung Piräus.
Es war eine gute Erinnerung daran, dass Reisen selten ein durchgehender Prospekt ist. Manchmal ist Reisen auch: App öffnen, Taxi suchen, Gepäck ziehen, Uhr im Blick behalten und hoffen, dass der Plan B freundlich genug ist.
Am späten Nachmittag rückte Piräus näher.
Und damit das Meer, unser eigentliches Reiseziel.
Zurück vom Schiff: Plaka, Koffer und ein entspannter letzter Stadtgang
Nach der Reise mit der Running on Waves kam Athen noch einmal zurück.
Wir schifften aus, der Flug ging erst am Abend, und plötzlich lag noch einmal ein halber Tag Athen vor uns. Dazu kam ein schöner Zufall: Bekannte vom Schiff, ebenfalls aus der Reisebranche, hatten sich mitten in der Innenstadt ein cooles Loft gebucht.
Dort konnten wir unsere Koffer unterstellen.
Das war Gold wert.
Auf einmal waren wir leicht. Ohne Gepäck, ohne Druck, zu viert unterwegs durch Plaka und die klassischen Einkaufsstraßen. Dieses Athen war anders als das der ersten beiden Tage. Heller, voller, bekannter, näher an dem, was viele Besucher suchen.
Wir bummelten durch die Gassen, schauten in Geschäfte, ließen uns treiben und gaben der Stadt noch einmal Raum. Nach den Tagen auf See wirkte Athen anders. Der Körper war wieder an Land, aber innerlich schaukelte noch etwas weiter.
Ich merkte dabei auch: Plaka ist wunderbar. Aber mein Herz hängt eher in den Gassen dazwischen.
Dort wird Athen für mich lebendig.
Auf der Fahrt zum Flughafen erzählte der Fahrer dann von Schnee in den Bergen rund um die Stadt. Und wir waren dabei!
Mein Fazit
Athen war für mich viel mehr als der praktische Startpunkt vor Piräus.
Diese Stadt war der warme, helle, leicht wilde Auftakt zu unserer Reise. Erst das Ankommen mit Gepäck und Restaurantempfehlungen. Dann der Abend an der Bibliothek im Licht. Dann die Jagd nach Graffitis, Anafiotika, Lykavittos, Stadion, Cafés, indisches Mittagessen und das Gefühl, eine Stadt zu Fuß wirklich zu erobern.
Und am Ende, nach der Segelreise, noch einmal Plaka. Klassischer, voller, touristischer – aber als Nachklang genau richtig.
Wer Athen wirklich spüren will, sollte laufen. Abbiegen. Sitzen bleiben. Weitergehen. Mit Bus und Bahn springen. Und sich auch mal in ein Viertel treiben lassen, in dem der Reiseführer gerade Pause macht.
Dann kann es passieren, dass man nicht nur Griechenland findet.
Sondern auch ein Stück Indien.
Mitten in Athen.


















